Verträge und Honorare
 

 
 

5.2.  Vergütungen

Die Vergütungen für E-Lancer sind eines der letzten Gebiete, in denen das Gesetz von Angebot und Nachfrage noch in Reinkultur erhalten ist. Generelle Regelungen nach Art von Tarifverträgen sind für Selbstständige nach dem Kartellgesetz verboten, und die Forderung nach einer gesetzlichen Honorarordnung, wie es sie für die A-Berufe (Anwälte, Architekten, Ärzte) ja durchaus gibt, passt nicht mehr so recht zum wieder gefeierten Glauben an Ellbogen, Konkurrenz und Deregulierung.

So bewegen sich die Vergütungen für Selbstständige in der IT-Branche zwischen Null und unendlich: Während für Programmierer, Systemanalytiker und EDV-Berater Stundensätze von 100 Euro alles andere als utopisch sind, müssen Journalistinnen bei Online-Medien schon froh sein, wenn ihnen überhaupt ein Honorar angeboten wird.

Vor diesem Hintergrund kann dieser Ratgeber keine Honorarempfehlungen geben. Nur ein paar Ratschläge. Der Wichtigste ist: Verlangt im Zweifelsfall lieber ein bisschen mehr. Die meisten E-Lancer arbeiten zu billig.

 
5.2.0.1.  Was ist eigentlich eine angemessene Vergütung?

Bei ihren regelmäßigen Honoraruntersuchungen macht die Freiberufler-Börse gulp.de immer wieder eine seltsame Feststellung: Oft verlangen die IT-Freiberufler, die dort ihre Profile hinterlassen, niedrigere Stundensätze als die Unternehmen, die Freiberufler suchen, von sich aus anbieten. Im August 2006 ergab sich aus der Auswertung der rund 59.000 bei Gulp registrierten Freiberufler-Profile und der rund 81.000 Projektangebote pro Jahr endlich mal wieder ein Gleichstand: Die Freiberufler forderten im Schnitt dieselben 67 € pro Stunde, die die Unternehmen ihnen im Schnitt 67 € pro Stunde anboten. Vier Jahre zuvor waren es noch 73 (Forderung) und 75 € (Angebot) gewesen.

Aber auch diese geringe Differenz wirft noch ein bezeichnendes Licht auf die Selbstständigen in dieser Branche: Ihnen ist der Spaß an der Arbeit offenbar wichtiger als das Geldscheffeln. Wenn der Kunde meine Forderung von vornherein in Ordnung findet, besteht offenkundig noch großer Verhandlungsspielraum nach oben. Der sinkenden Tendenz zum Trotz, die sich aus den Gulp-Zahlen ergibt.

Nun braucht sich für einen Stundensatz von 70 € wirklich niemand zu schämen. Wer aber glaubt, auch mit 20 € Stundensatz schon ganz prima dazustehen, dem empfehle ich, diesen Stundensatz mal mit dem Gehalt von Angestellten zu vergleichen. Drei Fragen braucht man dazu bloß zu beantworten:

  • Was verdienen Angestellte meiner Qualifikation und Qualität im Jahr (inklusive 13. Monatsgehalt, Urlaubsgeld, Arbeitnehmeranteil zur Sozialversicherung usw.)?
  • Was muss ich zusätzlich zu diesem "Gehalt" zu verdienen, um meine Betriebsausgaben (Büro, PC und Software, Reise- und Telefonkosten, Berufsunfallversicherung usw.) zu decken?
  • Wie hoch ist der Anteil der "unbezahlten" Arbeitsstunden (für Buchhaltung, Akquise, Weiterbildung usw.) an meiner Arbeitszeit?

Mit diesen Grundannahmen lässt sich dann eine Berechnung nach folgendem Muster anstellen. Als Beispiel wird hier das durchschnittliche Gehalt eines Systembetreuers in der IT-Industrie auf die Bedingungen eines freien EDV-Beraters umgerechnet:
 
 

Vergleich Angestelltengehalt – Stundensatz eines Selbstständigen
Ein Systembetreuer (R3 - Operator III) in einem Rechenzentrum der IT-Industrie kam im Jahre 2006 nach einer Erhebung der IG Metall einschließlich Urlaubsgeld, 13. Monatsgehalt und vermögenswirksamer Leistungen auf ein
  mittleres Jahresgehalt von 53.754 €
Dazu kommen Arbeitgeberanteil zur Kranken- und Pflegeversicherung3.206 €
  Arbeitgeberanteil zur Renten- und Arbeitslosenversicherung6.988 €
  Beitrag zur Berufsgenossenschaft414 €
Insgesamt also Zahlungen pro Jahr von64.362 €
Um auf dasselbe Jahresgehalt zu kommen, muss der Selbstständige seine Betriebsausgaben zusätzlich verdienen. Büro, Computer, Software, Telefon, Reisekosten, Haftpflichtversicherung usw. kosten bei E-Lancern im Schnitt etwa 1/3 des Umsatzes. Somit benötigt er einen
 Jahresumsatz von rund96.500 €
Diesen Umsatz muss er in 216 Tagen realisieren (256 Arbeitstage minus 30 Tage Urlaub minus 10 Tage Grippe); er braucht also einen
  Umsatz pro Arbeitstag von rund450 €
Legt man dem genannten Jahresgehalt im Schnitt einen Acht-Stunden-Tag zu Grunde und zieht davon ein Drittel für "unproduktive" Arbeit – vor allem Information, Akquise, Buchhaltung und Weiterbildung – ab, so bleiben für bezahlte Aufträge 5,3 Stunden am Tag. Damit braucht der Selbstständige, um seinem angestellten Kollegen gleichgestellt zu sein, also einen
  Stundensatz von rund85 €
Bei neun Stunden Arbeit am Tag, was für auswärtige Einsätze nicht eben niedrig kalkuliert ist, braucht der Selbstständige somit einen
  Tagessatz von rund750 €

 
Und für alle, die jetzt nicht so genau aufgepasst haben, nochmal ganz deutlich: Solange der selbstständige Systemanalytiker nicht mindestens 85 € pro Stunde nimmt, verdient er weniger als sein angestellter Kollege in der IT-Industrie! Und dann kommt erst die spannende Frage: Wie viel müsste er eigentlich mehr verdienen als die Festangestellten, damit das "Unternehmerrisiko" sich für ihn auszahlt?

Nun muss und kann selbst in der IT-Branche nicht jeder Selbstständige solche Stundensätze realisieren. Aber wissen sollte man schon, wie viel die eigene Arbeit eigentlich wert ist. Der Stundensatz von 20 € jedenfalls, für den sich so mancher Web-Designer schon an die Arbeit setzt, entspricht nach dieser Umrechnung einem Monatsgehalt von rund 900 €! Dafür allerdings sollte sich nicht einmal ein Schüler hergeben.

 
5.2.0.2.  Vergleichshonorare

Anregungen für das eigene Honorar findet man am besten im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen. Anhaltspunkt geben aber auch die Honorarempfehlungen und Honorarumfragen, die von den jeweiligen Berufsverbänden für die verschiedensten E-Berufe veröffentlicht werden. Leider benutzen die meisten Verbände diese Zahlenwerke zur Selbstfinanzierung – d.h. sie stellen allenfalls kleine Häppchen ins Netz und verkaufen die kompletten Print-Versionen für teures Geld. Beispielhaft seien hier genannt:

  • Für Multimedia-Anwendungen und -Produktionen stellt der Brancheninformationsdienst multiMEDIA jedes Jahr branchenübliche Honorare für Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen. Der "iBusiness Honorarleitfaden" (usw.) ist für 19,95 € beim Hightext-Verlag zu bestellen.
  • Außerdem ist beim Hightext-Verlag der Multimedia-Gehaltsspiegel des Deutschen Multimedia-Verbandes (DMMV) zu bestellen. Kostet 12,80 €, für DMMV-Mitglieder umsonst.
  • Gute Anregungen für Freiberufler und Gewerbetreibende in IT-Beratung, Programmierung und ähnlichen Bereichen bieten die Datenbanken von gulp.de, die Tausende von Projektangeboten mit konkreten Preisen sowie Profile von Freiberuflern mit konkreten Honorarforderungen enthalten. Außerdem gibt es bei Gulp einen genialen Stundensatzkalkulator, der aus diesen Datenbanken durchschnittliche Stundensätze in Abhängigkeit von Beruf, Tätigkeit, Berufserfahrung, Wohnort usw. ermittelt.
  • Eine repräsentative Erhebung über die Einkommen von Selbstständigen in der IT-Branche hat die Zeitschrift c't Ende 2005 veröffentlicht, mit detaillierten Differenzierungen nach Ausbildung, Branchen, steuerlichem Status, Berufserfahrung usw. Der Text (8 c't-Seiten) steht bei Heise zum kostenpflichtigen Download (1,- €).
  • Eine umfassende Erhebung über Jahresgehälter für Angestellte in der IT-Branche hat die IG Metall jetzt zum achten Mal veröffentlicht. Die Broschüre "Entgelt in der ITK-Branche 2006", für die die Entgeltdaten von rund 30.000 Beschäftigten verarbeitet wurden, ist für 12,90 € im Buchhandel erhältlich (128 Seiten DIN A5, ISBN-Nr. 3-7663-3740-8) oder – zuzüglich Versandkosten – bei Buch und mehr zu bestellen. Mehr zur Broschüre bei der IG Metall.
  • Für den PR-Bereich veröffentlicht Deutsche Public-Relations-Gesellschaft (DPRG) jedes Jahr eine Honorarumfrage. Die komplette Umfrage 2004 kostet bei der DPRG 45 € (Mitglieder 10 €); einige Auszüge findet man bei mediafon.
  • Honorare für Web-Design enthält der Vergütungstarifvertrag Design, den die Allianz Deutscher Designer (AGD) und der Verein Selbstständige Design-Studios regelmäßig abschließen. Der komplette Vertrag (zweisprachig, 192 Seiten) ist für 30 € bei der AGD zu bestellen (für Mitglieder umsonst). Die AGD kalkulierte zuletzt mit einem mittleren Stundensatz von 70 € als Entwurfsvergütung, zu der allerdings noch eine Nutzungsvergütung kommt, die je nach Nutzungsumfang zwischen 30 und mehreren hundert Prozent der Entwurfsvergütung beträgt.
  • Eine brauchbare Link-Liste zu Honorar- und Gehaltsübersichten im In- und Ausland für den IT-Bereich bieten die Crosswater Web Guides.

(Hinweise auf weitere Informationsquellen nehme ich gern auf – bitte um eine kurze E-Mail.)

 
5.2.0.3.  Vergütungsaufschläge

Grundsätzlich gilt die vereinbarte Vergütung. Wer zu niedrig abschließt, ist selber schuld. Die Möglichkeit, nachträglich eine höhere Vergütung durchzusetzen, gibt es nur bei der Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke, z.B. Software, für die das Gesetz eine angemessene Vergütung vorschreibt bzw. eine Anpassung nach dem sogenannten Bestsellerparagraphen vorsieht.

Gegenüber Privatkunden (Endverbrauchern) muss laut Gesetz immer der tatsächlich zu zahlende Preis – also inklusive Mehrwertsteuer – genannt werden. Im Geschäftsverkehr ist es dagegen üblich, mit Nettopreisen zu operieren. Dennoch sollte auch hier auf keinem Angebot und keinem Vertrag bei der Vergütung der Zusatz fehlen: "zuzüglich 7/19% Mehrwertsteuer".

Weitere Zuschläge zur vereinbarten Vergütung können nur verlangt werden, wenn sie ausdrücklich vereinbart wurden. Wer etwa Spesen und Materialkosten zusätzlich abrechnen will, muss dies in den Vertrag hineinschreiben (und bei Pkw-Kilometergeld den Kilometersatz nennen). Wer für nachträglich geäußerte Sonderwünsche eine zusätzliche Vergütung haben möchte, sollte drei Voraussetzungen erfüllen:

  • Zunächst muss der Rahmen des Auftrags im Vertrag präzise definiert sein, so dass eindeutig bestimmbar ist, welche Leistung noch zum Vertrag gehört und welche eine Zusatzleistung darstellt.
  • Zum Zweiten sollte im Angebot bzw. im Vertrag stehen, wie solche Zusatzleistungen abgerechnet werden (z.B. mit welchem Stundensatz).
  • Und zum Dritten sollte der Kunde eindeutig darauf hingewiesen werden, welcher seiner Wünsche ein zusätzliches Honorar nach sich zieht. Möchte er diese zusätzliche Leistung dann haben, kann es nicht schaden, ihm darüber noch einmal eine Auftragsbestätigung zu schicken.

Einen Sonderfall stellen unbefugte Nutzungen urheberrechtlich geschützter Werke dar. Klaut also irgend jemand Web-Seiten, die ich gestaltet, oder Texte, die ich geschrieben habe, so kann ich (falls ich es denn merke) zusätzlich zum üblichen Honorar dafür den Ersatz der Kosten verlangen, die ich aufwenden musste, um die unerlaubte Nutzung festzustellen. Im Bereich von Printmedien wurden hier von verschiedenen Gerichten Aufschläge zwischen 30 und 100 Prozent akzeptiert.

(Wer selber Fotos klaut und ohne Nennung der Fotografin veröffentlicht, muss mit einem weiteren Aufschlag von bis zu 100 Prozent rechnen – als "Schadenersatz wegen entgangener Werbewirkung".)

 
5.2.0.4.  Abzüge von der vereinbarten Vergütung

Wer seinen Vertrag erfüllt hat, hat grundsätzlich Anspruch auf die volle vereinbarte Vergütung. "Skonto bei Barzahlung", Mengenrabatte und ähnliche Spezialitäten müssen gesondert vereinbart werden.

Sofern der Vertrag keine weiteren Bestimmungen enthält, gibt es Anlass zur Minderung der Vergütung grundsätzlich nur in einem einzigen Fall: Wenn ich es nicht geschafft habe, meinen Werkvertrag so zu erfüllen wie vereinbart. Wenn also der Kunde eine Nachbesserung verlangen kann und ich sie nicht hinkriege (oder sie unzumutbar aufwendig wäre). In diesem Fall kann der Kunde nach der neuesten Rechtslage den Preis mindern. Bin ich mit der Höhe des Preisabschlags nicht einverstanden, muss ich notfalls ein Gericht anrufen.

Alle weiteren Abzüge, z.B. Vertragsstrafen bei nicht termingerechter Fertigstellung, sind nur erlaubt, wenn sie ausdrücklich im Vertrag vereinbart sind.

Zurückbehalten darf der Auftraggeber einen Teil der Vergütung, wenn er das vereinbarte Werk zwar abgenommen hat, die Auftragnehmerin aber noch einige Mängel nachbessern muss. Der zurückbehaltene Betrag darf in diesem Fall höchstens das Dreifache der Kosten der Nachbesserung betragen; ist die Nachbesserung erledigt, muss er in voller Höhe ausbezahlt werden.

 

 

[ Letzte Änderung: 28. Dezember 2006]
Zum Inhaltsverzeichnis
Zum Seitenanfang
Zur Suche
Eine Seite zurück:
5.1.5. Kündigung
Weiter im Text:
6. Kooperation